Irgendwo in Brandenburg

Renate Kunze hatte gestern auf dem Weg zum rollenden Backshop, der am Mittwoch Punkt zehn immer auf dem Dorfplatz für eine Stunde halt macht, eine unheimliche Begegnung. Als sie voller Vorfreude auf die leckeren Brötchen aus Fertigbackmischung, in die Pedalen ihres E-Bikes trat, bemerkte sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel am etwa 200m entfernten Rand des Kiefernforstes. Sofort fuhr ihr der Schreck in die Glieder, ein Wolf dachte sie ängstlich, was sollte es auch anderes sein. Ganz genau konnte sie das Tier nicht erkennen, denn seit einiger Zeit hatte sie Schwierigkeiten Dinge in der Ferne scharf zu sehen und inzwischen auch schon einen Termin beim Optiker in der Stadt gemacht. Ein Wolf, denn Hasen gab es hier ja lange schon nicht mehr und ihr Nachbar der Jäger ist, hatte sie neulich erst vorm Wolf gewarnt.  Der muss es ja schließlich wissen, ist ja ständig auf der Kanzel und hier im Dorf der Fachmann in Sachen Natur. Auf jeden Fall war das Tier irgendwie graubraun und es hatte sich bewegt. Groß war es ihr vorgekommen, etwa wie ein Kalb. Aber auf die Entfernung konnte man sich vertun, vielleicht war es auch größer. Wie groß ist eigentlich so ein Kalb, als Kind hatte sie das letzte mal eins hier im Dorf gesehen. Einen richtigen Bauernhof mit Tieren gab es hier schon lange nicht mehr. Egal, erst mal weg hier, schnell schaltete Renate auf die nächst höhere Stufe ihrer E-Unterstützung und beschleunigte. Ganz außer Atem kam sie am mobilen Backshop an und berichtete den anderen zwei anwesenden Dorfbewohnerinnen von der Wolfsbegegnung. Ach Gott, entfuhr es Friedchen Lehmann, indem sie ihre Hand vor den geöffneten Mund erhob und mit angstgeweiteten Pupillen in die Runde starrte. Hoffentlich hat der Wolf nicht den Wotan gefressen, stammelte sie und erzählte den Anwesenden, dass sie seit den frühen Morgenstunden ihren Hund vermisste. Früher hätte es sowas hier nicht gegeben, brach es aus Else Schultze heraus. Sie hatte vor Jahren im Kindergarten als Reinigungskraft gearbeitet, aber der Kindergarten wurde schon vor längerer Zeit in die zehn Kilometer entfernte Kreisstadt ausgelagert. Vielleicht ist es doch gut so, mischte sich die Verkäuferin ein und wies mit einer Handbewegung auf das leer stehende Gebäude an der gegenüber liegenden Straßenseite, in dessen Gartenbereich eine rostige Wippe in Gesellschaft weiterer Spielgeräte in der aufkommenden Vegetation kaum noch zu erkennen war. Seit die die Wölfe hier wieder angesiedelt haben, ist die Gegend hier nicht mehr sicher.                     

Zur gleichen Zeit erreicht Wotan, der mittelgroße, graubraun farbene, Terrier Mischling von Frau Lehmann am andere Dorfende endlich den Heimathof. Er war am Morgen durch eine Lücke im Zaun entwischt, da er Witterung von der läufigen Bella, der Münsterländer Hündin vom Jäger bekommen hatte. Auf dem Rückweg hatte er die Abkürzung am Waldrand entlang genommen, sein Frauchen würde ihm den Ausflug sicher verzeihen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Uwe (Samstag, 10 April 2021 13:56)

    Thematik gut, Umsetzung sollte man noch einmal überarbeiten.

  • #2

    Gabi (Samstag, 10 April 2021)

    Ja, so ist das Leben, es lässt sich auch auf andere Gegebenheiten übertragen. Jemand bekommt etwas nicht richtig mit, gibt die Informationen also falsch weiter, ein anderer steuert eine Vermutung bei. Letztendlich ist es eine explosive Mischung aus Unwissen, Sensationslust und auch Desinteresse, die dazu führt, dass sich Gerüchte verbreiten und die Stimmung hoch kocht.

  • #3

    Harry Preiske (Samstag, 10 April 2021 14:59)

    Sehr gut Karsten! Die Geschichte kommt mir bekannt vor. Ich glaube die gibt es in fast jedem Dorf!

  • #4

    Julia (Freitag, 30 April 2021 09:47)

    Ich finds super geschrieben. Hör nicht auf Uwe ;)